Ozora

Ich hatte schon letztes Jahr, gleich nachdem wir aus Ozora zurückkamen darüber nachgedacht über dieses wirklich einzigartige Festival zu schreiben. Dann überkam mich aber ein merkwürdiges Gefühl: ist denn Ozora nicht wie ein antikes Mysterium, über das nur mündliche Überlieferungen existieren dürfen?  Dürfen denn nicht nur Eingeweihte (eigentlich die Gemeinschaft derer, die zusammen es erlebt hatten) es kennen und untereinander weitererzählen? Interessanterweise gibt es über Ozora bis heute kein Buch, dass die Geschichte des Festivals erzählen würde und die Wikipedia-Einträge sind auch ziemlich neu (verhältnismäßig detailliert der ungarische Eintrag, viel kürzer in Englisch und Französisch). Ich habe wenigstens gleich zwei Textquellen zu Ozora: ich habe während des Festivals ein Tagebuch geschrieben und danach – als das Erlebnis noch ganz frisch war – einem Freund einige E-Mails verfasst.

2018 war ich zum ersten Mal in meinen Leben in Ozora. Ich, der Stadtmensch, der sich zum Müll Heruntertragen „anständig“ anzieht, der vorher noch nie mehr als 2 Tage in einem Zelt verbracht hatte und sehr an den zivilisatorischen Errungenschaften des Stadtlebens hängt. In Ozora gibt es nämlich keine Gebäude oder mietbare Zelte, wo man schlafen könnte, zum Duschen nur kaltes Wasser und für alles andere nur Plumpsklos.

Ich war letztes Wochenende am Flow Festival in der Nähe von Wiener Neustadt. Als ich einem österreichischen Mädchen den Namen Ozora erwähnte, meinte sie, der Name hätte einen mystisch-fremden Klang. Ozora ist ja in erster Linie der Name der vom Festival nicht weit entfernten Ortschaft, obwohl das Festival selbst in Dádpuszta stattfindet. Laut ungarischem Wiki-Eintrag steht O.Z.O.R.A (der offizielle Name des Festivals ist mit Punkten zwischen den Buchstaben geschrieben) für Organic Zones of Radiant Atmosphere. Ehrlich gesagt habe ich diese Auslegung des Namens noch von niemanden gehört (in diesem Text schreibe ich konsequent Ozora und meine damit immer das Festival).

Ozora genau zu definieren ist ziemlich schwierig, einfacher ist es, zu sagen, was es nicht ist. Es ist sicherlich kein reines Musikfestival, auch, wenn Musik eine ganz zentrale Rolle spielt. Viele Teilnehmer kommen aus der Goa-Szene, aber es gibt auch reichlich Menschen, bei denen die üblichen Erkennungszeichen der Psy-Goa-Gemeinschaft (Bekleidung, Haare, Tattoos) fehlen. Musikalisch sind neben Goa-Trance und ihrer nahen Verwandten (Psytrance, Psychedelic etc.) sehr viele anderen Richtungen vertreten, vom House über Weltmusik bis hin zur improvisatorischen Musik. Am Festival sind alle Altersklassen vertreten, von Kindern mit Familien bis hin zu Älteren um die 60-70.

Das erste Mal hat in Dádpuszta 1999 ein Psy-Goa-Musikfestival stattgefunden, damals noch unter dem Namen Solipse Festival. Fünf Jahre später wurde hier das Sonar Plexus Festival organisiert, das schon als Vorgänger des Ozora Festivals gesehen werden kann. Das Gebiet gehörte einem Hirten – eine Tatsache die an sich eine spannende kulturelle Deutung zulässt – Dániel Zimányi, der selbst zum Organisator des Events wurde. Der Tierliebhaber und Naturfreund verstarb letztes Jahr, seiner Erinnerung ist ein Stein in der Nähe von den “Reisstatuen” von Adam und Eva gewidmet. Das Festival wuchs nach 2005 zu einem der weltweit wichtigsten Goa-Events, die anfängliche Teilnehmerzahl von einigen 100 Leuten stieg auf bis zu 30 000. Während des Festivals entsteht wirklich eine Ad-hoc-Community von der Größe einer Kleinstadt.

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