Sarg einer Spitzmaus und andere Schätze

Wien und seine Besucher sind vom Bruegel-Fieber erfasst. Noch nie hatte man so viele Arbeiten des flämischen Malers an einem Ort gesehen. Für diese Weltsensation muss neben dem normalen Museumsticket ein Timeslot reserviert werden. Die Wochenendtermine der nächsten Wochen sind schon jetzt ausgebucht und selbst unter der Woche ist es gar nicht so leicht einen verfügbaren Zeitpunkt zu finden.

Statt Bruegel würde ich aber jetzt auf eine andere, in einem anderen Sinne geniale Ausstellung aufmerksam machen. Die Kuratoren der Sonderausstellung „Spitzmaus mummy in a Coffin and other Treasures“ waren Wes Anderson und Juman Malouf. Die Grundlage der Ausstellung ist ein Gedankenspiel: nach welchen Prinzipien würden wir Kunstwerke präsentieren, wenn wir einige Tausend von ihnen zur Hand hätten? Was wäre, wenn wir ein Areal in einem Museum bekommen würden und dort nach eigenem Gutdünken die Kunstwerke ausstellen könnten. Heutzutage werden museale Gegenstände, Bilder und Statuen meistens in zeitlicher Abfolge, an eine Person oder an ein Thema gebunden präsentiert. Und ich frage mich auch, ob wir ein Kunstwerk auch dann als wertvoll beurteilen würden, wenn wir es nicht im Museum antreffen würden?

Die “moderne” (besser gesagt: zeitgenössische) Anordnung von Kunstwerken im Museum, die noch noch immer weitgehend auf den Prinzipien der Geschichtsphilosophie von Hegel beruht, ist ja nur eine Möglichkeit der Präsentation. Die Kunstwerke könnten aber auch anders geordnet werden: nach Farben, Materialien, oder wir könnten auch solche Gegenstände und Bilder gemeinsam vorzustellen, die ausschließlich Kinder oder Tiere darstellen (ist das dann aber nicht eine etwas kindliche Art der Anordnung der Dinge?)

Wenn wir uns die Anderson-Malouf-Ausstellung ansehen, sollten wir unbedingt beim links vom Eingang hängenden Bild zu verweilen. Es handelt sich um ein Bild von einem nicht allzu bekannten flämischen Meister, Frans II. Francken mit dem Titel “Kunst- und Raritätenkammer” (Nr.1). Dieses Bild zeigt die Kriterien frühneuzeitlicher Sammelns, die besagen, dass der Wert eines Gegenstandes durch dessen Rarität oder Kuriosität bestimmt ist (genauso wie in der klassischen Wirtschaft: rare Gegenstände oder Stoffe haben einen höheren Preis).

Frans_Francken_(II),_Kunst-_und_Raritätenkammer_(1636)

Nicht umsonst wird im Titel der Ausstellung der „Sarg einer Spitzmaus“ (Nr. 248) erwähnt, denn dieses Ausstellungsstück musste als es nach Europa kam als aufsehenerregende Rarität gegolten haben. Der europäische Mensch stand einem unbegreiflichen Brauch einer unbekannten, fremden Kultur gegenüber. Als würde uns eine Familie uns zum Mittagessen einladen und eine Pferdehirnsuppe mit Heuschreckensalat auftischen.

 

Unter den ausgestellten Gegenständen gibt es ganz viele Kuriositäten, die wir aus Europäer so wahrnehmen, weil sie aus einer weit entfernten Kultur stammen (Nr. 330 Koffer vom Kriegskleid eines koreanischen Prinzen) oder weil die Benutzung des Gegenstandes als anachronistisch anmutet (Nr. 292 Hut/Stulphut eines Generals der k.k. Armee und Federbusch oder Nr. 325 Futteral für die Rudolfskrone). Kurios erscheinen auch die Abbildungen der bei königlichem und adligem Hofe als Muss geltenden klein gewachsenen Personen (Hofzwerge sind auf mehreren Bildern zu sehen) oder „merkwürdigen Geschöpfen“ (das Beispiel hierfür soll ein Geheimnis bleiben, es handelt sich um die Bilder Nr. 2-4). Aus der Sicht der Geschichtsschreibung mutet das Porträt von Vlad Tepes, dem späteren Dracula mysteriös an. Das Bild von der Frau Sulejman des Großen, Rossa oder Roexelane hat einen Hauch Exotik, gerade weil eigentlich ihre in Europa erstellten Porträts reine Fantasieprodukte sind.

Alle die statt in snobistischer Manier über die Ausstellung herzuziehen versuchen sie zu verstehen und zu genießen, müssen ihre Kenntnisse über Museen und dem Kunstkanon bei Seite legen. Eine der treibenden Kräfte hinter der Ausstellung ist gerade der Humor. Die ausgestellten Gegenstände können nur in ihrem Miteinander interpretiert werden, sie kommunizieren miteinander, wenn wir die Zusammenhänge bemerken. Mehr möchte ich jedoch nicht über die Ausstellung verraten, sonst würde ich die Freude am Entdecken nehmen.

 

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